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Veröffentlicht am 29. Dezember 2020

Aber langweilen wir uns dann nicht?

Warum am Ende der Lohnarbeit noch ganz viel Sinn übrig bleibt

Letztens bin ich beim Lesen über eine Textpassage in "The Second Machine Age" von Brynjolfsson und McAfee gestolpert, die in meinen Augen sehr plakativ für manche Debatte rund um ein bedingungsloses Grundeinkommen ist. Das ganze Buch über leiten die Autoren ab, dass technischer Fortschritt, getrieben durch exponenzielles Wachstum, große Umwälzungen für alle Gesellschaften bereit hielte.

Wir befänden uns kurz vor der "zweiten Hälfte des Schachbretts", eine Anspielung auf eine alte Legende, bei der der Erfinder des Schachspiels zur Belohnung für seine Schöpfung vom indischen Kaiser eine bestimmte Menge Reis fordert. Und zwar soll ihm der Kaiser am ersten Tag 2 Reiskörner auf das erste Schachfeld legen, am zweiten Tag 4 Reiskörner, am dritten 8 und so weiter, bis das Schachbrett voll ist. Der Kaiser, von der Bescheidenheit beeindruckt, willigt ein. Nach einigen Tagen kommt so viel Reis zusammen, dass das gesamte Reich des Kaisers die vereinbarte Menge nicht mehr aufbringen kann. Der Kaiser fühlt sich betrogen und köpft den Erfinder.

Die zu Grunde liegende Exponenzialfunktion knickt ungefähr ab dem Wert 16 fast 90 Grad nach oben ab. Auf dieses Phänomen beziehen sich Brynjolfsson und McAfee, wenn sie von der zweiten Hälfte das Schachbretts sprechen. Sie wollen damit zum Ausdruck bringen, dass der wirklich sprunghafte technologische Fortschritt, der Knick nach oben, kurz bevor steht.

Die Funktion f(x) = 2^x als Diagramm dargestellt.

Die Autoren legen dar, warum der bisherige Fortschritt bereits zu Verwerfungen führt: Steigender Anteil von Kapitaleinkünften bei sinkendem Anteil von Arbeitseinkommen im Verhältnis zum BIP, stark steigende Ungleichverteilung von Einkommen und Vermögen und Winner-Take-All-Märkte durch Netzwerkeffekte, bei denen große Superstar-Unternehmen immer profitabler, dominanter und mächtiger werden.

Vor diesem Untergangsszenario geben sie einige Empfehlungen für die Politik: Bildung, die komplementäre Fähigkeiten zur Automatisierung fördert, staatliche Investitionen mit positiven negativen Externalitäten, Förderung von Migration und Steuerreformen–Econ 101 eben.

Nach dieser müsehligen Herleitung, dass technologische Arbeitslosigkeit durchaus realistisch erscheint, niedrige Löhne Automatisierung nicht aufhalten werden und wir uns diesen Herausforderungen igendwie stellen müssen, schreiben sie nun endlich über Arbeit. Ohne Einkommen seien Menschen nicht in der Lage, ihre Güter zu beziehen, was zu einem Teufelskreis aus schwacher Nachfrage, Arbeitslosigkeit und geringeren Investitionen in Anlagegüter und Humankapital führe. Ökonomen schlügen vor, Menschen einfach Geld zu geben: Eine Form von bedingungslosem Einkommen erfreue sich großer Beliebtheit bei sowohl sozial, konservativ als auch liberal eingestellten Wirtschaftsdenkern.

Ich war von den bisherigen Ausführungen total angetan, bis die Autoren zu oben erwähnter Textpassage kamen: Bezugnehmend auf Voltaire sagen sie, Arbeit befriedige wichtige Bedürfnisse wie Selbstwert, Gemeinschaft, Engagement, gesunde Werte, Struktur und Würde. Und deswegen sei ein BGE nicht ihre erste Wahl, denn wenn Menschen nicht mehr Arbeiten gingen, würden sie unglücklich.

Dieses Argument sprang mir nun schon häufiger in diversen Diskussionen entgegen. Ich gebe den Autoren zwar Recht, glaube jedoch, dass ihr Argument am Kern der Sache vorbei geht, denn:

Erstens, nicht nur Erwerbsarbeit, also solche, die Leuten ein Einkommen verschafft, befriedigt diese Bedürfnisse, sondern auch andere Tätigkeiten können das leisten.

Zweitens, ist der Zusammenhang von Einkommenserwerb und Arbeit abhängig vom technologischen Fortschritt: Eine Arbeit, die mir heute Selbstwert, Gemeinschaft, Engagement, gesunde Werte, Struktur und Würde bringt, bringt mir das auch morgen noch, wenn sie zu diesem Zeitpunkt vollständig automatisiert werden kann. Nur leider bringt sie mir dann wahrscheinlich kein Einkommen mehr.

Die viel wichtigere Frage ist also, wie wir Arbeit in Zukunft definieren wollen. Wenn wir Arbeit als Erwerbsarbeit definieren und glauben, dass sie uns nur Freude bereitet und unsere Bedürfnisse befriedigt, wenn der Markt bereit ist, uns dafür zu entlohnen, dann haben Brynjolfsson und McAfee sicher ein stichhaltiges Argument. Wenn wir stattdessen glauben, dass Schreinern, Pflege, Kindererziehung, Softwareprogrammierung oder Musizieren auch Arbeit sind, wenn unsere Grundbedürfnisse bspw. durch ein garantiertes Einkommen befriedigt sind, dann verpufft dieses häufig angeführte Argument. Denn dann wird es nicht nur immer Arbeit geben, die uns Spaß macht, sondern wir würden Menschen auch viel mehr die Möglichkeiten geben, Berufung zum Beruf zu machen und solche Arbeit zu leisten, die ihre Bedürfnisse am besten befriedigt; völlig losgelöst von dem Betrag, der am Ende auf dem Konto landet.

Etwas versöhnlich war dann doch, dass sich Brynjolfsson und McAfee für eine negative Einkommensteuer aussprachen. Diese verspreche nämlich einen größeren monetären Anreiz für Menschen, arbeiten zu gehen. Da ihrer eigenen Argumentation nach die Arbeit selbst bereits Bedürfnisse befriedigt, halte ich diesen monetären Anreiz für überflüssig und das Argument für widersprüchlich. Am Ende führt eine negative Einkommensteuer jedoch zum gleichen Ergebnis: Ein Einkommen unabhängig von Erwerbsarbeit.

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geschrieben von Timothy

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