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Veröffentlicht am 26. November 2020

KI und Arbeit: Die nahe Zukunft

Die Chance auf das digitale Athen

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In meinem wiederkehrenden Wahn, gelesene Bücher zusammenzufassen - ich bin einfach furchtbar schlecht, mir irgendetwas zu merken - bin ich auf einen vor ein paar Monaten gelesenen Schatz gestoßen: Life 3.0 von Max Tegmark. Tegmark beschreibt gerade im ersten Drittel des Buchs sehr anschaulich, wie sich Automatisierung durch künstliche Intelligenz von bisheriger Automatisierung unterscheidet und geht später darauf ein, welche Implikationen das hat.

Intelligente Materie

Seine "drei Stufen des Lebens" (three stages of life) bestehen aus Life 1.0, Life 2.0 und Life 3.0:

  • Life 1.0 ist Leben, bei dem sowohl die Hardware als auch die Software entwickelt und nicht entworfen werden.
  • Life 2.0 ist Leben, dessen Hardware entwickelt, dessen Software aber weitgehend veränderbar ist. Zum Vergleich: Unsere menschlichen Synapsen speichern all Ihr Wissen und Ihre Fähigkeiten in Form von Informationen in einer Größenordnung von etwa 100 Terabyte, während unsere DNA nur etwa ein Gigabyte speichert. Durch die Möglichkeit, seine Software zu gestalten, ist Life 2.0 nicht nur intelligenter als Life 1.0, sondern auch flexibler.
  • Life 3.0 schließlich ist Leben, das nicht nur seine Software, sondern auch seine Hardware entwerfen kann.

Die Übergänge sind durchaus fließend, der Mensch ist jedoch eher Life 2.0 zuzuordnen. Anatomisch einfachere Lebewesen verändern erst im Laufe von Generationen ihre "Hardware" durch Anpassungen an Umwelteinflüsse. Nachfolgend leitet Tegmark her, dass Speicher, Berechnung, Lernen und Intelligenz völlig substratunabhängig entstehen können, d.h. in ganz unterschiedlichen Formen und somit auch ganz anders als beispielsweise durch das menschliche Gehirn. Mit zunehmender Rechenleistung (und auch grundlegenden Verschiebungen bei Erreichen physikalischer Limits, bspw. von Röhrentechnik zu Transistoren) im Sinne von Moore's Law ist es also nicht unwahrscheinlich, dass intelligentes, sich selbst verbesserndes Life 3.0 irgendwann mal Realität werden kann.

Über den Zeitpunkt herrscht jedoch in Expertenkreisen völlige Uneinigkeit. Optimistische Prognosen sprechen von wenigen Jahren, pessimistische Vorhersagen halten allgemeine künstliche Intelligenz (in Abgrenzung zu enger KI bzw. narrow AI) für unmöglich. Der Fortschritt der letzten Jahrzehnte deutet allerdings an, dass sich alleine auf dem Weg - und lange vor dem Erreichen menschlicher Intelligenz - viele spannende Möglichkeiten und Herausforderungen für Menschen befinden.

Zerreißende Ungleichheit vs. digitales Athen

Insbesondere für die Arbeitsmärkte hat intelligentere Software eine existenzielle Bedeutung: Von zunehmender Automatisierung mechanischer Arbeit profitierten bisher vor allem gebildete Bevölkerungsschichten. Realeinkommen und vor allem Realvermögen entwickelten sich seit Beginn des Information Age vor vier Jahrzehnten deutlich zugunsten des oberen einem Prozent.

Seit dem Jahr 2000 geht ein immer größerer Anteil des Unternehmenseinkommens an diejenigen, die die Unternehmen besitzen, im Gegensatz zu denen, die dort arbeiten. Der Trend, dass ein immer größerer Teil des Kuchens an diejenigen geht, die die immer fähiger werdenden Maschinen besitzen, wird sich fortsetzen oder sogar beschleunigen. Hinzu kommt, dass digitale Märkte häufig sogenannte Winner-Take-All-Märkte sind, in denen Unternehmen umso erfolgreicher sind, je größer sie sind. Was wiederum zu ihrem Wachstum beiträgt und so weiter, weswegen sich auch hier zunehmend Einkommen und Vermögen konzentriert.

Wenn wir allerdings herausfinden können, wie wir den Wohlstand durch Automatisierung vermehren können, ohne dass es großen Teilen der Bevölkerung an Einkommen oder Sinn mangelt, dann gibt es das erste Mal die Chance auf ein Leben beispielloser Muße und Opulenz für alle. Erik Brynjolfsson nennt seine optimistische Arbeitsmarktvision digitales Athen. Der Grund dafür, dass die athenischen Bürger der Antike ein Leben in Muße und im Genuss von Demokratie, Kunst und Spielen führten, lag vor allem darin, dass sie Sklaven hatten, die einen Großteil der Arbeit erledigten.

Einkommen und Sinn außerhalb von Jobs

Einige Job-Optimisten argumentieren, dass nach den körperlichen und geistigen Jobs der nächste Boom bei den kreativen Jobs kommen wird. Job-Pessimisten halten dagegen, dass Kreativität nur ein weiterer mentaler Prozess ist und auch dieser schließlich von KI gemeistert wird.

Ein häufig angeführtes Argument gegen eine große Automatisierungswelle ist, dass Automatisierung in der Vergangenheit ständig neue Jobs geschaffen hat. Die überwiegende Mehrheit der heutigen Arbeitsplätze sind allerdings solche, die es schon vor einem Jahrhundert gab. Erst auf Platz 21 der häufigsten Berufe (die Zahlen beziehen sich auf den US-Arbeitsmarkt) findet sich der erste Beruf, der jünger als 100 Jahre ist: Software-Entwickler. Das steht diesem Argument schon deutlich entgegen.

Der Haupttrend auf dem Arbeitsmarkt ist also nicht, dass wir in völlig neue Berufe wechseln. Vielmehr drängeln sich Arbeitnehmer auf den letzten verbleibenden Inseln menschlicher Überlegenheit, die noch nicht von Technologie überflutet wurden. Wenn Maschinen jedoch eines Tages alle gängigen Güter und Dienstleistungen zu minimalen Kosten produzieren können, dann gibt es eindeutig genug Wohlstand, um es allen besser gehen zu lassen. Das spricht stark für eine ernsthafte Diskussion darüber, wie sich Einkommen bzw. Konsumgüter unabhängig von Arbeitsplätzen verteilen lassen. Ich bin ein großer Befürworter eines bedingungslosen Grundeinkommens, vor allem mit Betonung auf Bedingungslosigkeit. Ein solcher Verteilungsmechanismus, der die Existenzgrundlagen aller sichert und Existenzängste zu einem Ding der Vergangenheit verkommen lässt, wäre ein großer Schritt hin zu Brynjolfssons digitalem Athen.

Auch wenn David Graeber in seinem Buch Bullshit Jobs über den Sinn vieler Arbeitsplätze ein vernichtendes Urteil fällt, sind Jobs für viele Menschen trotzdem auch Quelle von Zufriedenheit und Sinn. Die Psychologie hat eine Reihe von Faktoren identifiziert, die das Wohlbefinden und den Sinn der Menschen fördern. Dazu gehören beispielsweise:

  • ein soziales Netzwerk von Freunden und Kollegen
  • eine gesunde und tugendhafte Lebensweise
  • Respekt, Selbstachtung und Selbstwirksamkeit
  • das Gefühl, gebraucht zu werden und einen Unterschied zu machen
  • ein Gefühl des Sinns, Teil von etwas Größerem zu sein und etwas Größerem als sich selbst zu dienen

Das gibt Anlass zu Optimismus, da all diese Dinge auch außerhalb des Arbeitsplatzes erbracht werden können.

Eine Abkehr von dem gesellschaftlichen Modell, dass alle Aktivitäten von Menschen irgendwie Einkommen generieren müssen, schafft erstaunliche Möglichkeiten und ist in meiner Wahrnehmung ein bereits heute notwendiger Schritt. Der kulturelle Wandel, der sich dahinter verbirgt, ist nämlich viel größer als die reine Einführung von "leistungslosem" Einkommen. Es Bedarf aus meiner Sicht einer grundlegenden Neudefinition von Arbeit und vielleicht sogar einer Neubewertung des Stellenwerts von Arbeit an sich.

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geschrieben von Timothy

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